Museum

auf dem Schafhof

Maulbronn

... rund 350 Meter vom Kloster Maulbronn entfernt ...

09 Schafhof Brunnen

Eröffnung des Museums auf dem Schafhof
Maulbronn
am 12. September 2009.
 

Zum Museumskonzept.
Von Martin Ehlers, Stadtarchiv Maulbronn


Ohne Zisterziensermönche wäre Maulbronn nicht denkbar, und das Salzachtal zwischen dem Elfinger Hof im Westen und dem Seidentäle im Osten wäre wohl kaum urbar, geschweige denn bebaubar gemacht worden. Wir sind heute die Erben der Mönche und profitieren von deren kulturellen Leistungen. Haben sie doch die Landschaft planmäßig wie ein Industriegebiet angelegt. Der Schafhof ist ein außergewöhnliches Beispiel, das zeigt, wie durchdacht man beim Klosterbau vorging. Das Plateau des Schafhofs ist ein künstliches Gebilde, das durch den Abbau des gelben Sandsteins für die Klosterkirche und durch Anhäufung von Abraum entstanden ist. Sozusagen wurde durch den Abbau des Steins Fläche für eine landwirtschaftliche Ansiedlung in unmittelbarer Klosternähe geschaffen, die durch die sukzessiv stärker ausgebaute Wehrummauerung in die Klosteranlage integriert wurde.

Der in östlicher Richtung vom Kloster aus gelegene Schafhof wurde für die Schäferei und das Vieh, das in die Klosterwälder zur Mast getrieben wurde, genutzt. Bei den Zisterziensern wurde die Schafzucht intensiv betrieben, um vor allem Wolle für die Bekleidung der Mönche und Pergament, das für die in den Skriptorien hergestellten Bücher und Handschriften benötigt wurde, zu gewinnen. Im Mittelalter avancierten die Zisterzienser zu den wichtigsten Wollproduzenten Europas. Welche Bedeutung die Schafhaltung für Maulbronn hatte, zeigt sich nicht zuletzt an einer Schenkung des Bischofs Gunter von Speyer im Januar 1159, der damals dem Kloster Maulbronn die beträchtliche Zahl von zwölfhundert Schafen zukommen ließ.

Im Maulbronner Lagerbuch von 1575 ist der Schafhof als „Steingrube“ benannt und gibt der gleichnamigen Zelge ihre Bezeichnung; noch im 19. Jahrhundert wurden hier in geringem Umfang Steine gebrochen.
Und damit sind wir schon mitten in unserer musealen Ausstellung über die Entstehung und weitere Entwicklung, wie der klösterliche Schafhof ein wichtiges Segment des bürgerlichen Maulbronn wurde. Keimzelle und Nukleus (Zellkern) ist das Kloster, mit dessen äußerer Wehrmauer der Schafhof bis ins 19. Jahrhundert umfriedet war. Türme und Tore bezeugten den Wehrcharakter. Weil die Entwicklung des Schafhofs vom klösterlichen Steinbruch zum zisterziensischen und später bürgerlichen Wirtschaftshof wenig in unserer Vorstellungswelt verankert ist, zeigen wir anhand von drei Modellen unterschiedliche Stadien Maulbronner Geschichte auf.

Die beiden abstrakten Modelle hat Thomas Krüger aus Reutlingen nach sehr arbeitsintensiven Recherchen von Peter Krüger und mir angefertigt. Viele Details mussten in schriftlichen Quellen, alten Grafiken, Karten und Plänen geklärt werden. Das erste Modell versucht den Steinbruch im Mittelalter nachzuzeichnen, der den gelben Schilfsandstein zum Klosterbau lieferte. Nachdem der Steinbruch aufgelassen wurde, diente das künstlich entstandene Plateau für die Anlage der klösterlichen Wirtschaftsgrangie, die nach der Säkularisation im Reformationszeitalter teils weiterhin in Eigenwirtschaft, teils als Pachthof betrieben wurde, bis man die Gebäude bis zur Gemeindegründung im Jahr 1838 an Privatpersonen veräußerte.

Das zweite Modell wurde anhand der ersten verwertbaren Karte der Maulbronner Gemarkung geschaffen und gibt die Situation im Jahr 1761 wieder. Diese Karte fertigte der aus Kleinsachenheim stammende Geometer Johann Michael Spaeth an, der die Tochter des Kloster-Speisemeisters heiratete und dann das Amt seines Schwiegervaters übernahm. Nebenbei war er weiterhin als Geometer tätig und soll, nachdem er den Auftrag für die Maulbronner Klostergemarkungskarte erhalten hatte, aus Dankbarkeit die heute noch vorhandene Linde auf den „Schranken“ am Klosterberg gepflanzt haben. Soviel nebenbei zum Lokalkolorit.

Eine Reproduktion der Spaeth’schen Karte hat ihren Platz über den Modellen bekommen, da sie als Inselkarte der einstigen Klostergemarkung unschätzbaren Wert hat und Auskunft über die Landnutzung, Bebauung und auch das ausgeklügelte zisterziensische Wassersystem gibt. Wurden doch erst ab Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Maulbronner Fischweiher trocken gelegt. Auch zeigt die Karte, dass alles in herzoglichem Besitz war, der schließlich von 1819 an bis zur Gemeindegründung sukzessiv privatisiert wurde und damit erst die Gründung einer bürgerlichen Gemeinde möglich machte. Man kann sich jedoch des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht die Maulbronner Bevölkerung, die weitgehend aus herzoglichen, später noch aus königlichen Bediensteten bestand – dazu gehörten Weingärtner, verschiedene Handwerker sowie Beamte und auch im übertragenen Sinn die Lehrer und das Personal der Klosterschule – auf die Privatisierung und das Bürgerrecht drängten, sondern die entscheidenden Impulse von staatlicher Seite kamen. Offenbar hatte man sich im Klosterort Maulbronn mit den Gegebenheiten gut zu arrangieren gelernt und die Vorzüge einer gesicherten Grundversorgung erkannt.
Auch der Schafstall, der unser Museum beherbergt, kam an die neu gegründete Gemeinde Maulbronn. Die Geschichte des Schafstalls von seiner Erbauung, Umnutzung und seinem Umbau zum wunderschönen Museumsgebäude ist eine weitere Station in unserer Ausstellung.

Das alles ergänzt Siegfried Strobel. Er ist dabei, in unzähligen, mindestens aber 1.200 Stunden ein realistisches Modell vom Schafhof Mitte des 19. Jahrhunderts mit ausgesprochen großer Liebe zum Detail zu bauen. Die bereits fertiggestellten Modell-Häuser verraten, auf welchen Schatz wir uns im nächsten Jahr freuen dürfen.
Eine Brücke zwischen der Vitrine über dem Schafstallgebäude und Wilhelm Schenk wird über die von Friedrich Rieger betriebene Klosterbrauerei geschlagen, an der sich später Wilhelm Schenk beteiligen sollte.

Schon Wilhelm Schenks Vater war als Küfer für die Klosterbrauerei tätig. Und als die Familie Schenk nach Südafrika auswanderte, hat sie dort mit dem Brauereiwesen ihren ersten großen Erfolg gehabt. Der aus Schmie stammende Wilhelm Schenk deckt gleich mehrere Aspekte Maulbronner Geschichte ab, denn er war Steinhauer, Bierbrauer, Auswanderer, Soldat, Industrieller, Gründer der Sanitätskolonne Maulbronn und Jäger.
Facetten der Maulbronner Geschichte sind die Steinhauerei genauso wie Ein- und Auswanderung von einzelnen Personen und ganzen Familien. Allein über die Ein- und Auswanderungsthematik könnte für Maulbronn eine Ausstellung erarbeitet werden.
Mit seiner Firma hat Wilhelm Schenk Maulbronn stark geprägt. Als Peter Krüger und ich am Museumskonzept feilten, sahen wir die Vielseitigkeit von Wilhelm Schenks Persönlichkeit. Dass heute die Vitrine eine traurige Aktualität bekam, konnten wir vor über zwei Jahren nicht wissen, aber umso wichtiger ist es, dass die Fa. Schenk und ihr Gründer im Bewusstsein verankert bleibt.

„Qualität hat Zukunft“ zeigt die Tafel, die überall im Betrieb zu sehen war, und die auch ich über meiner Werkbank als Praktikant im Modellbau hängen hatte. Immer wieder hatte ich an den Satz gedacht, der nach meiner Auffassung richtig sein müsste, und schließlich hat auch die Fa. Schenk ihre Qualität nahezu 100 Jahre getragen. Qualität hat auch das Steinhauer-Handwerk in Maulbronn hervorgebracht und tut es noch immer. Aber die Blütezeit des Steinhauerhandwerks ging mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende, da es vor allem am Geld fehlte und fortan auf billigere Kunststeine zurückgegriffen wurde.
Wir haben historische Flurkarten zusammengefügt und die Steinbrüche darin kenntlich gemacht, um zu zeigen, wo überall Stein gebrochen wurde. Noch immer bezeugen Felswände und Abraumhalden den Steinabbau, mit dem auch Veränderungen der hiesigen Kulturlandschaft einhergingen. Kein Geringerer als Deutschlands erster Bundespräsident Theodor Heuss schrieb 1923 in seinem Aufsatz „Herbsttage in Maulbronn“:
[…] es gibt Steine, Sandsteinbrüche, Jahrhunderte alt, tiefe Risse in den Leib der Erde, gleich hinter dem Kloster beginnend, gelber und roter Stein – in der romanischen Zeit hatte man ein gelbes Lager angebrochen, unbekümmert setzte die Gotik rote Streben auf das Bauwerk. Nach ewigen Überlieferungen wird der Steinblock gelöst, gemessen, behauen – wenn der Stein auf einer niederen Karre an Tauen zum Lager gezogen wird, sind es immer die gleichen Gruppen voll rhythmischer Wucht. Wenn der Steinmetz seine Säule, seinen Fenstersturz aus dem Graben herausarbeitet, fast ganz ohne Zeichnung, „aus dem Gefühl“ heraus, mit wenigen Werkzeugen, mit dem gewissen „Vorteil“ in ihrer Führung, mit einem sicheren Instinkt dem Stoff gegenüber, so ist das die Blüte handwerklicher Tradition.

An dieser Stelle darf ich auf das unter Vorsitz von Ewald Link betriebene Museum „Steinhauerstube“ in Schmie hinweisen. Hier soll keine Konkurrenz-Ausstellung stattfinden, sondern mit Bildern, Exponaten und Texten auf die Maulbronner Besonderheit hingewiesen werden. Zugegeben: Es waren seit dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Steinhauer aus Schmie, die hier Steinbrüche betrieben, wie die Namen Schmid, Walter, Vallon, Kälber, Brüstle, Konzi, Goutier oder Erber bezeugen. Nicht zuletzt deshalb ist auch der Schmieer Kirchturm von den Steinhauern Walter aus rotem Maulbronner Sandstein erbaut worden. Gleichermaßen wollen sich das Steinhauer-Museum in Schmie und das Museum auf dem Schafhof ergänzen und miteinander kooperieren.

Eine weitere Maulbronner Besonderheit ist die Zeitung „Bürgerfreund“, später „Maulbronner Tagblatt“, die bis in die 1940er Jahre von dem Verleger, Redakteur und Drucker Robert Mayer in der Frankfurter Straße gedruckt wurde. Damit wurde das ehemalige Oberamt Maulbronn mit Informationen des Weltgeschehens ebenso wie über lokale Ereignisse und Inserate informiert. Leider ist von der alten Druckerei nichts mehr übrig geblieben, aber mit der Druckmaschine wollen wir an die Zeit des mehrmals wöchentlich erschienenen „Maulbronner Bürgerfreunds“ erinnern.
Sohn des Verlegers war der Kunstmaler Robs Mayer, der nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten wollte, sondern trotz äußerer Widerstände sich der Kunst verschrieben hatte. An ihn erinnert hier sein Selbstbildnis sowie ein Portrait des Dichters Joseph Victor von Scheffel, das vielen noch aus dem Scheffelhof in persönlicher Erinnerung sein dürfte und ein Ölgemälde des Elfinger Bergs im Erdgeschoss.

Robs Mayer lieferte auch die Vorlage für den Außentitel des von seinem Vater herausgegebenen Geschichtsband „Altes und Neues aus Maulbronn und Umgebung“. Wir haben die lokalgeschichtlichen Veröffentlichungen, Leporellos und Ansichtskarten aus dem Hause Robert Mayer dem Thema Tourismus zugeordnet. Kloster Maulbronn wurde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vom Bildungsbürgertum als, „vaterländisches“ Kulturdenkmal entdeckt. Über die 1853 fertiggestellte Eisenbahnverbindung wurde die Anreise begünstigt. Auch die hiesige Gastronomie stellte sich auf die Angereisten ein und lockte mit Namen, wie „Klosterpost“, „Klosterschmiede“, „Klosterbrauerei“, „Restauration zum Klosterhof“ oder „Doktor Faust“.

Mit dem auf das Kloster gerichteten Fernrohr kann man in die Vergangenheit, d. h. auf ein historisches Postkartenmotiv blicken und auf dem gegenüberliegenden Sofa ein bisschen Hotel-Atmosphäre atmen und sich in Maulbronn-Literatur vertiefen.
Ein aus dem Bekleidungsgeschäft Druskus-Beuchle stammender Schubladen-Schrank, der umgearbeitet wurde, bietet Einblicke in verschiedene Themen wie Handwerk, Gemeinde, Oberamt, Vereine oder Grenzsteinzeugen. Ilse und Rolf Kern, Peter Krüger und ich konnten dank der Unterstützung einiger Leihgeber die Schubladen bestücken. Darin haben wir viele, sehr viele Stunden vergraben, aber die Arbeit hat sich gelohnt. Ihnen, liebes Ehepaar Kern, ganz herzlichen Dank für Ihren unermüdlichen und freundschaftlichen Einsatz.

Geprägt ist die Ausstellung im ersten Obergeschoss wie auch das bürgerliche Maulbronn durch das lange und eigentlich erst mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs endende 19. Jahrhundert. Anschließend erlebte die Klosterstadt gravierende politische, gesellschaftliche und strukturelle Veränderungen, die auch das Ortsbild formten.

Entgegen der Behauptung des französischen Schriftstellers Henry de Montherlant „Wir lernen aus der Geschichte immer wieder, dass wir nichts lernen“, verstehen wir unser Museum als eine öffentliche Einrichtung, die Geschichtszeugnisse in ihrem Kontext zeigt, damit sie tatsächlich einen Erkenntniswert über die Vergangenheit vermitteln. Wir haben uns bewusst mit den Ausstellungsobjekten an konkrete Themen gehalten. Deshalb sollte auch niemand enttäuscht sein, wenn wir sein Objekt jetzt nicht zeigen. Es werden aber in Zukunft Sonderausstellungen stattfinden, für die wir stets Exponate brauchen. Außerdem hat jedes Museum grundsätzlich einen Sammelauftrag und kann nur einen Bruchteil dessen zeigen, was es besitzt. Das ist ganz normal.

Neben unserem Rundgang durch Maulbronns bürgerliche Vergangenheit kann man in eine andere Welt abtauchen. Unter Dieter Ziegelbauers Regie und dank seiner großzügigen Ausstattung entstand eine Bauernstube, die bis ins kleinste Detail Authentizität vermittelt. Hier herrscht die uns heute abhanden gekommene Beschaulichkeit. In einem vor 75 Jahren erschienenen Band über „Alte deutsche Bauernstuben“ heißt es:
“Der Geist des Rokoko durchdringt die bäuerlichen Kreise und führt die ländliche Kunstfertigkeit auf ihren Höhepunkt, um dann, langsam abwärts gleitend, mit dem Auftreten der industriellen Massenerzeugung vollständig zu verschwinden.”
(Alexander Schöpp, Alte deutsche Bauernstuben, 1934.)

.Das trifft auch auf die Ausstellung im Erdgeschoss zu. Wenn man bedenkt, welche Kunstfertigkeit allein schon das Küfer-Handwerk hervorgebracht hat!
Weinan- und Weinausbau vergangener Tage werden schrittweise aufgezeigt und verdeutlichen, welche zum Teil uns heute archaisch anmutenden Werkzeuge bis in die jüngste Vergangenheit noch in Gebrauch waren. Bestechend ist der Miniatur-Terrassenweinberg mit seinen prächtigen Rebstöcken.

Ich wünsche unserem Museum auf dem Schafhof viele interessierte Besucher, neue Objekte und freudige Spender, damit Maulbronns neue Anlaufstelle sich auch in Zukunft in Sachen Geschichte immer weiterentwickeln kann.
Und wer noch ein bisschen Kleingeld übrig hat, möchte zur Reparatur unseres angeschlagenen „Studentenbrünneles-Frosch“ ein paar „Kröten“ in die Spendendose stecken, die Wilfried Gebhard bezaubernd grafisch gestaltet hat.